Neues Energiewirtschaftsgesetz: Bundesregierung bewegt sich
vzbv sieht Grundproblem hoher Netzentgelte aber noch nicht
beseitigt - Verbraucher im Gesetz nach wie vor unterrepräsentiert
28.10.2004 - Der Verbraucherzentrale Bundesverband - vzbv
begrüßt die Bewegung der Bundesregierung bei der Frage der
Regulierung des Energiemarktes. "Schön, dass die Bundesregierung
sich doch noch an ihre Verantwortung für die Volkswirtschaft
und den Arbeitsmarkt erinnert und die Bedürfnisse und Interessen
der Verbraucher nicht weiter ignoriert", so vzbv-Vorstand
Prof. Dr. Edda Müller.
Die Richtung stimme. "Jedoch würde mit dem neuen Ansatz lediglich
eine weitere Kostenexplosion verhindert. Das Grundproblem
der schon jetzt viel zu hohen Netzentgelte wird nicht beseitigt",
so Edda Müller. Der vzbv befürchtet, dass neuen Anbietern
weiterhin der Marktzugang verwährt bleibt, da sie durch die
Verfestigung des derzeitigen Kostenniveaus keine Wettbewerbschance
hätten. Haushaltskunden müssten weiterhin Spitzenpreise für
ihren Strom zahlen. Alle Hoffnungen für mehr Wettbewerb fokussieren
sich somit auf die angekündigte Anreizregulierung, wonach
die Regulierungsbehörde Anreize zur Verringerung der Netzentgelte
setzen und den Betreibern effizienteres Wirtschaften vorschreiben
kann. "Wenn das Kleingedruckte hierzu nicht stimmt, laufen
wir Gefahr, dass die von uns geforderten Instrumente zwar
auf dem Papier stehen, sich in der Praxis aber nichts ändert",
so Müller.
Im bisherigen Ansatz vermisst der vzbv zudem eine wirksame
Vertretung der Verbraucherinteressen. Konkret hatte der vzbv
eine eigene Beschlusskammer bei der Regulierungsbehörde für
Verbraucherfragen gefordert und zudem auf das Beispiel Großbritannien
verwiesen. Dort hat man - neben der Einrichtung einer Regulierungsbehörde
- in Gestalt der "Consumer Watchdogs" für die Institutionalisierung
einer Gegenmacht, Kontrollinstanz und Anlaufstelle für die
Belange der privaten Verbraucher gesorgt. Das Modell ließe
sich ohne weiteres auf Deutschland übertragen. Der vzbv hat
dazu einen eigenen Formulierungsvorschlag eingereicht, wie
das Modell der Watchdogs in das Energiewirtschaftsgesetz integriert
werden kann.
Des Weiteren fordert der vzbv im laufenden Verfahren:
- die Präzisierung der Entflechtung zwischen Energieanbietern
und Netzbetreibern,
- die Festschreibung wirkungsvoller Sanktionen bei Nichteinhaltung
der Vorgaben sowie
- einen effektiven Gewinnabschöpfungsanspruch.
Der Bundestag berät heute in erster Lesung über die Novelle
des Energiewirtschaftsgesetzes.
Nach den Vorstellungen der Bundesregierung sollen - in Reaktion
auf die Stellungnahme des Bundesrates - künftig die Preiserhöhungen
der Netzentgelte geprüft werden, nicht jedoch die Höhe der
Netzentgelte selber. Die Preiserhöhungen der Entgelte sollen
rückwirkend zum 1. August 2004, ex ante nach Inkrafttreten
des neuen Gesetzes kontrolliert werden. Spätestens nach zwei
Jahren soll dies durch das Modell der Anreizregulierung ersetzt
werden.
Kostspielige Jahre
In den sechs Jahren, in denen der Staat auf die Selbstregulierung
und "Selbstbeschränkung" von großen Energieanbietern und ihren
großen Industriekunden vertraute, wurden Fakten geschaffen.
Über 80 Prozent des Marktes sind in der Hand von nur vier
Unternehmen. Spitzenpreisen für die Verbraucher stehen Rekordgewinne
der Stromversorger gegenüber. Mit etwa 18 Cent pro kWh zahlen
die Haushaltskunden in Deutschland für ihren Strom einen Spitzenpreis
im europäischen Vergleich. Rund 8 Cent pro kWh entfallen dabei
allein auf die Netznutzungsentgelte, was im europäischen Vergleich
ebenfalls einen Spitzenwert bedeutet. Mit durchschnittlich
12,6 Cent je Kilowattstunde liegt der Strompreis vor Steuern
und Abgaben in Deutschland um 50 Prozent höher als in Großbritannien.
Würde das deutsche Preisniveau an die britischen Verbraucherpreise
angeglichen, ließe sich in Deutschland ein Nachfragevolumen
von circa 11 Milliarden Euro mobilisieren und somit für eine
ersehnte Belebung der Binnennachfrage und Schaffung neuer
Arbeitsplätze sorgen.
Ansprechpartner: Thorsten Kasper Referent Energie umwelt@vzbv.de
Christian Fronczak Pressereferent vzbv presse@vzbv.de
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